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Der Markt
unter der Lupe

 
02.02.2024

„Murmeltier-Tag“ spezial: Wann endet der Zins-Winter der Fed?

Beim Murmeltier-Tag in den USA jeweils am 2. Februar wird ein Pelztier „befragt“, wann der Winter endet. Ebenso versuchen Anleger, den konkreten Zeitpunkt für die Zinswende der Fed abzuschätzen. Noch hält sie sich mit Festlegungen zurück. Doch lassen sich die Finanzmärkte angesichts im Trend rückläufiger Inflationsraten und mauer Konjunkturerwartungen nicht beirren und rechnen mit einer ersten Zinssenkung am 1. Mai.

Wie erwartet belässt die US-Notenbank ihren Leitzins zum vierten Mal in Folge unverändert bei 5,5 Prozent. Zinssenkungen sind für sie nicht „angemessen, bis sich die Inflation nachhaltig in Richtung zwei Prozent bewegt". Eine erste Zinssenkung bereits im März hält Fed-Chef Powell für unwahrscheinlich. Insgesamt hat er die ins Kraut schießenden Zinssenkungsphantasien gestutzt.  

In einem verbalakrobatischen Balanceakt weicht die Fed ihre bisherige falkenhafte Rhetorik dennoch allmählich taubenhaft auf. Hinweise auf „zusätzliche Straffungen“ hat sie aus ihrem Vokabular gestrichen. Vor dem Hintergrund der US-Präsidentschaftswahl wäre der Fed sowieso daran gelegen, eher früher und stärker die Zinsen zu senken, um sich dem Vorwurf der politischen Einflussnahme zu erwehren.

Der eindeutige Desinflationstrend bei der Kerninflation sowie die Inflation für persönliche Konsumausgaben als ihr bevorzugtes Inflationsmaß geben ihr allen Grund dazu. Und laut University of Michigan ebenso rückläufige Inflationserwartungen wirken Befürchtungen entgegen, dass sich die Inflation „verselbstständigt“.

Grafik der Woche

Zudem betonte Fed-Chef Powell mehrfach, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis sich die bereits deutlich erkennbare Mietpreis-Entspannung - online gut ablesbar auf US-Immobilienplattformen wie Zillow - in niedrigen Inflationsdaten niederschlägt. Da Mieten zu rund einem Drittel in die US-Inflationsberechnung eingehen, ist das preisliche Entspannungspotenzial groß.

Nicht zuletzt lindern weniger stark steigende Arbeitskosten die Sorgen vor Zweitrundeneffekten über eine Lohn-Preis-Spirale.

US-Zinssenkungen: Aufgeschoben ist nicht aufgehoben

Sicher ist die amerikanische Wirtschaft in keiner schlechten Verfassung. Doch kann die US-Notenbank die Rezessionsrisiken nicht außer Acht lassen, um das soft landing nicht zu gefährden.

In diesem Zusammenhang ist die Zinsstrukturkurve - Differenz der Renditen 10- und 2-jähriger US-Staatsanleihen - bedeutsam. Historisch betrachtet, obwohl die inverse Kurve ihren Tiefpunkt bereits erreicht hatte und wieder steiler wurde, nahmen die Abschwungrisiken erst richtig zu. Tatsächlich ist laut New York Fed die Rezessionswahrscheinlichkeit in den nächsten 12 Monaten auf 54 Prozent und damit das höchste Niveau seit Anfang der 1980er-Jahre gestiegen.

Insgesamt geht es bei Zinssenkungen nicht um die Frage ob, sondern wann. Die Finanzmärkte rechnen im Mai mit der ersten von insgesamt sechs Zinssenkungen bis Jahresende.

Wird die Liquiditätsrückführung in den USA gebremst?

Die erwarteten Entspannungen bei Leitzinsen und Anleiherenditen - die ihren Zenit von fast fünf Prozent längst hinter sich haben - nehmen auch den Refinanzierungsdruck von den US-Banken, zumal sich deren Einlagen stabilisieren. Die Turbulenzen bei der New York Community Bank nach schwachen Quartalszahlen aufgrund hoher Kreditrückstellungen sieht die Fed gelassen und lässt ihr Notfinanzierungs-Programm (Bank Term Lending Facility) wie geplant im März auslaufen.

Auf März hat die Fed auch die Frage vertagt, wie es mit ihrer Liquiditätsrückführung (Quantitative Tightening = QT) weitergeht. Zur Verhinderung von Liquiditätsengpässen und damit der Gefahr einer unsanften Landung der US-Wirtschaft kommt die Fed kaum an einer Drosselung des sich auf „Autopilot“ befindenden QT vorbei. Ähnlich wie 2019 könnte sie den Abbau ihrer Staatsanleihebestände in der zweiten Jahreshälfte von monatlich 60 Mrd. halbieren und den Abbau ihrer Hypothekenanleihen in Höhe von 35 Mrd. US-Dollar monatlich nicht weiter verstärken.

Unter dem Strich trüge die Fed zu günstigeren Zinsbedingungen für die fortgesetzte Schuldenorgie der USA bei. Ebenso beugt eine weniger restriktive Liquiditätspolitik Aktieneinbrüchen und negativen Vermögenseffekten vor.

Marktlage - Mehr als eine stabile Seitenlage

Auch den Falken bei der EZB gehen immer mehr die Federn aus. Zwar liegt die Inflation - Kerninflation zuletzt 3,3 nach 3,4 Prozent - noch immer deutlich über Ziel. Der Desinflationstrend ist aber eindeutig. Und wenn sogar ein Falke wie Bundesbank-Präsident Nagel mittlerweile betont, dass das „gierige Inflations-Biest handzahm geworden ist“, dürften Zinssenkungen nicht mehr lange auf sich warten lassen. Theoretisch könnte eine erste Zinssenkung bereits auf der EZB-Sitzung am 11. April erfolgen. EZB-Präsidentin Lagarde sprach zwar von Sommer. Nach wiederholter Nachfrage von Journalisten auf der vergangenen EZB-Pressekonferenz wollte sie den April-Termin immerhin nicht explizit ausschließen.

Grundsätzlich fallen die Ergebnisse der Berichtsaison der großen Tech-Unternehmen für das IV. Quartal 2023 solide aus. Dass sich Big Tech mit konkreten Hinweisen zurückhält, in welchem Umfang Künstliche Intelligenz zum Gewinnwachstum beiträgt, sorgt zwar für Enttäuschung. Konkretere Zahlen wären tatsächlich wünschenswert. Grundsätzlich zeigen aber die Unternehmensergebnisse, dass Geschäftsmodelle wie Digitalisierung und Datenspeicherung in der Cloud auch wegen des Zwangs zur stetigen Wettbewerbsverbesserung der weltweiten Industrie nachhaltig attraktiv sind. Und die Künstliche Intelligenz hat wegen der zunehmenden Vernetzung der „Maschinen“ ohnehin noch die besten Zeiten vor sich.  

Die geplante Stimmungsstabilisierung an Chinas Börsen durch die wiederholte Senkung des Mindestreservesatzes, ein Leerverkaufsverbot sowie geplante Stützungskäufe über umgerechnet knapp 260 Mrd. US-Dollar werden durch ein erneutes Hochkochen der chinesischen Immobilienkrise - drohende Liquidierung von Evergrande - konterkariert. Weitere Stützungsmaßnahmen Pekings zur Aufhellung von Konjunktur und Finanzmärkten sind daher zu erwarten. Positiveffekte, die auch auf die Weltkonjunktur ausstrahlen, sind spätestens ab dem 2. Halbjahr zu erwarten, was auch der Internationale Währungsfonds erwartet. Um einen wirklichen positiven Strukturbruch an der Shanghaier Börse auszulösen, muss die KP jedoch wieder mehr auf Marktwirtschaft setzen.

Dadurch erfahren auch exportsensitive deutsche Aktien Aufwärtspotenzial. Schließlich erwirtschaften DAX-Unternehmen im Durchschnitt etwa 80 Prozent ihrer Umsätze im Ausland, sind dort immer stärker aktiv und energiediversifiziert. Insofern können deutsche Konjunkturwerte über die Strukturschwächen des deutschen Standorts hinwegblicken. Im historischen Durchschnitt zu deutliche Bewertungsabschläge gegenüber US-Aktien gemäß Kurs-Gewinn-Verhältnis verleihen deutschen Aktien zusätzliches Potenzial.

Sentiment und Charttechnik DAX - Die Marke von 17.000 ist noch eine harte Nuss, aber auch sie wird geknackt

Aus Sentimentsicht erhält der Anlauf auf neue Allzeithochs zwischenzeitliche Dämpfer. Aktienanleger nehmen mitunter Neubewertungen ihrer euphorischen Zinserwartungen vor. Je nach Nachrichtenlage in puncto Inflation, Notenbank-Sprech und Berichtsaison ist mit zunehmenden Kursschwankungen zu rechnen. Als Kontraindikator dient auch der von CNN Business veröffentlichte Fear & Greed Index, der im Bereich der „Gier“ verharrend zur Vorsicht vor Gegenbewegungen mahnt.

Diese sollten für Zukäufe genutzt werden. Denn zwischenzeitliche Ernüchterungen laufen offensichtlich zügig ab und werden anschließend wieder von Aufhellungen abgelöst. 

Charttechnisch liegen bei fortgesetzter Aufwärtsbewegung die nächsten Wiederstände bei 17.000 und 17.005 Punkten. Darüber ist der Weg zu neuen Allzeit-Hochs frei. Setzt der Index zur Gegenbewegung nach unten an, trifft er bei 16.915 und 16.825 auf erste Unterstützungen. Darunter liegen die nächsten Haltelinien bei 16.735 und 16.720 Punkten.