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Halvers
Kolumne

 
22.02.2024

Schwellenländer und ihre Aktienmärkte können auch ohne China leuchten

Die einfache und schöne Kinderzeit Chinas ist vorbei. Das Land ist geopolitisch und wirtschaftlich in der Pubertät angekommen, wo viele Dinge - Eltern wissen das - schwieriger werden. Und wirksame Gegenmaßnahmen zu ergreifen, fällt der KP in Peking offensichtlich schwer. Tatsächlich schätzt die (Finanz-)Welt China auf allen Ebenen kritischer ein. Das kommt anderen Schwellenländern zugute.   

Dem Land des Lächelns ist das Lachen vergangen

U.a. massive Immobilienkrisen, eine alternde Bevölkerung und Deflation nagen am Selbstbewusstsein einer Nation, die ca. 30 Jahre nur Sonnenschein kannte.   

Ein Handicap ist ebenso die chinesische Planwirtschaft. Wie kann man aber noch in einer unsicher gewordenen Welt auf fünf Jahre planen? Zum Vergleich: Vor fünf Jahren, 2019, war die Welt für uns noch in Ordnung. Das deutsche Wirtschaftsmodell war spitze, es gab weder Corona noch Ukraine-Krieg. What a difference five years make.

Hinzu kommt ein Kontrollwahn der KP, der marktwirtschaftliche Beinfreiheiten einzwängt wie Sardinen in der Dose und damit viel Wirtschaftspotenzial „links“ liegen lässt. Und die zelebrierte Freundschaft zwischen Peking und Moskau mag zwar günstige Rohstofflieferungen bescheren. Doch hat dies China im Westen weitere Sympathien gekostet, die sich zur Verringerung von Abhängigkeiten ohnehin in massivem Kapitalabzug niederschlagen. Es ist kein Naturgesetz mehr, dass China die alleinige Werkbank für die Welt ist.  

Nicht zuletzt, was konkret in China abseits geschönter Daten läuft, könnte selbst Konfuzius nicht in Erfahrung bringen. Für Vertrauen sorgt das nicht, auch nicht am chinesischen Aktienmarkt.  

Die Schwellenländer sind nicht die Interessenvertreter Chinas

Überhaupt sind die anderen Schwellenländer keine treuen Brüder und Unterstützer Pekings. Öffentlich kritisieren sie zwar das imperialistische Amerika und die Knute des US-Dollars als Weltleitwährung.  

Dennoch wollen die Emerging Markets nicht die amerikanische gegen die chinesische Knute eintauschen, die sich mit dem Renminbi als alternative Weltleitwährung ergeben würde. Außerdem wollen sie es sich mit dem kaufkräftigen Westen nicht verscherzen.

Und sollte der Yuan wirklich der Anker einer neuen Weltleitwährung werden, müsste China seine Finanz- und Devisenmärkte aufmachen wie beim Tag der offenen Tür. Der Renminbi ging dann in die Höhe und die chinesischen Exporte in die Knie. 

China geht nicht unter, aber…

Mit immensen Konjunkturprogrammen und einer westlich lockeren Rettungspolitik der chinesischen Notenbank wird immerhin eine wirtschaftliche Stabilisierung in der zweiten Jahreshälfte eingeleitet. Und an Stelle der bislang dominierenden Binnenkonjunktur (Immobilien, globale Produktionsstätte) wird China alternativ immer mehr auf Technologie und Innovation setzen und die klassischen Industrieländer in ihren Vorzeigebranchen angreifen, z.B. Deutschland bei Autos.

Doch ist der Außenhandel auch kein hindernisfreier Ausweg. Es drohen weitere Zölle und Sanktionen, die Amerika unter Trump auf jeden Fall verstärken würde. Und auch in Europa sind die protektionistischen Stimmen mittlerweile unüberhörbar.   

New kids on the Emerging Markets block

Die geopolitische Skepsis gegenüber China, die Differenzen zwischen Washington und Peking und seine momentane wirtschaftliche und ideologische Ladehemmung nutzt Indien schamlos aus, um sich als Alternative zu präsentieren. Liebe zu Amerika kann man dem Land zwar nicht unterstellen. Aber gegen eine wirtschaftlich erfolgreiche, platonische Beziehung hat man nichts einzuwenden.

Mit einer demografischen Entwicklung und umfangreichen Reformen an Haupt und Gliedern zieht Indien immer mehr die Blicke der (Industrie-)Welt auf sich. In der Tat zieht das Land unzählige ausländische Unternehmen und Fachkräfte an. Ein Sieg der aktuellen Regierungspartei von Präsident Modi bei den bevorstehenden Parlamentswahlen im Frühjahr gilt als wahrscheinlich und setzte den Wachstumskurs Indiens weiter fort. Laut Internationalem Währungsfonds wird die indische Wirtschaft 2024 mit 6,5 Prozent klar stärker als die chinesische und mehr als doppelt so stark zulegen wie die Weltwirtschaft.

Das kommt auch den Finanzmärkten zugute, deren Attraktivitätssteigerung das erklärte Ziel der Regierung ist. Vielversprechende indische Branchen sind zyklische Konsumgüter, Technologie und Finanztitel. Vor allem die Kombination von Technologie und Banking macht Indien für institutionelle Anleger attraktiv, das über diesen Weg immer mehr an Gewicht in Aktienindices gewinnt.

Auch Taiwan ist ein attraktiver Markt. Taiwan wird als Triebfeder für neue Technologiewellen, vor allem in der Halbleiterindustrie, genutzt. Übrigens, eine Invasion macht für die Chinesen wenig Sinn. Sie würden den Zugang zu hochleistungsfähigen Halbleitern verlieren. Nicht zuletzt würden sie zum Paria-Staat, was internationale Sanktionen nach sich zöge. Ohnehin erkennt die westliche Welt Taiwan nicht als eigenständigen Staat an. Warum also Taiwan ohne Not angreifen?

In Südamerika finden Länder wie Mexiko und Brasilien zunehmende Beachtung. Ihre Aktienmärkte profitieren von der fortschreitenden Verschiebung amerikanischer Lieferketten von China in die direkte Nachbarschaft, die Privatinvestitionen folgen lassen.

Insgesamt laufen die Aktienmärkte anderer Schwellenländer China den Rang ab. Die klassische Sippenhaft, wonach bei Krisen einzelner alle über einen Kamm geschert werden, ist längst aufgebrochen.

Ohne deutlich mehr Marktwirtschaft, ohne deutlich weniger staatlichen Kontrollzwang und eine offene Informationspolitik wird es für China zukünftig schwierig, mitzuhalten. Nur die Symptome, nicht aber die Ursachen zu kurieren, bringt keine nachhaltigen Erfolge. Selbst staatlich angeordnete Stützungskäufe von Kapitalsammelstellen, das sog. „National Team“ - in Amerika Plunge Protection Team genannt - sorgen am Aktienmarkt nur für kurzfristige Stabilisierung.  

Grundsätzlich werden Schwellenländer immer attraktiver und sind längst depotreif.

Und Europa und Deutschland?

Im Vergleich zu den Schwellenländern scheint sich der alte Kontinent von Wachstum zu verabschieden. Ideologische und staatswirtschaftliche Bevormundung mit viel bürokratischem Sand im Getriebe nehmen Deutschland immer mehr Wettbewerbsfähigkeit weg.  

So werden wir auch kein grünes Wirtschaftswunder bekommen. „Wunder gibt es immer wieder“ heißt es zwar in einem Schlager. Leider kommen diese in der Wirtschaftsrealität nicht vor.

Wenn wir uns von den Schwellenländern nicht bald viele Scheiben abschneiden, wird es für unseren Aufschwung und Wohlstand wie beim Eurovision Song Contest heißen: Germany zero points.