Der Höhepunkt der Iran-Krise ist überschritten
Noch gestalten sich die Verhandlungen in wichtigen Grundsatzfragen wie dem iranischen Atomprogramm und der reibungslosen Durchquerung des Nadelöhrs von Hormuz zäh. Dass der Iran die US-Forderungen eines 20 Jahre langen Moratoriums bei der Uran-Anreicherung mit Gegenforderungen von fünf Jahren beantwortet, signalisiert immerhin Bereitschaft zur Lösungsfindung. Vor diesem Hintergrund ist eine Verlängerung der Waffenruhe über den 21. April hinaus durchaus zu erwarten. Auch die Waffenruhe zwischen Israel und der Hisbollah ist ein positives Zeichen.
Begünstigt wird eine Einigung durch die US-Seeblockade der Straße von Hormuz gegen ein- und auslaufende iranische Schiffe. Da er über 90 Prozent seiner Energielieferungen über diesen Seeweg mit entsprechenden Einnahmen transportiert, nimmt der wirtschaftliche Druck auf Teheran täglich zu. Mit dieser Aktion holt Trump nicht zuletzt China in sein Boot. China muss angesichts seiner Energieabhängigkeit vom Nahen Osten ein natürliches Interesse an einer Konfliktbeilegung und Seewegsöffnung haben.
Der innenpolitische Druck Trumps einerseits und der wirtschaftliche Einnahmewegfall des Mullah-Regimes andererseits sprechen gemäß gesundem Menschenverstand für die Erzielung eines Abkommens. Für den Iran erschwerend kommt hinzu, dass die Routensperrung dem Alternativölproduzent und Erzfeind Amerika viel Geld in die Kassen spült: Und sie begünstigt langfristig den Bau von Öl- und Gaspipelines abseits der Straße von Hormuz.
Angesichts der akuten Angebotsrisiken - die letzten Vorkriegs-Öllieferungen sind mittlerweile angekommen - notiert der Ölpreis zwar hartnäckig nahe der 100 US-Dollar Marke. Klar zurückgehende Kursschwankungen signalisieren allerdings, dass der Markt von keiner weiteren Eskalationsstufe ausgeht.
Grafik der Woche

Risikoentspannungen werden auch von einem schwächeren US-Dollar - der als sicherer Anlagehafen offensichtlich an Bedeutung verliert - und von wiedererstarkten Aktien aus den Schwellenländern signalisiert, die „Hormuz-abhängiger“ als die Industrienationen sind.

Konjunkturdelle ja, Konjunkturbeule nein
Positiv ist auch, dass die Weltwirtschaft heute deutlich weniger von fossilen Energieträgern abhängig ist als noch vor einigen Jahrzehnten. Laut Bloomberg-Schätzungen wäre heutzutage ein Ölpreis von rund 190 US-Dollar nötig, um die Weltkonjunktur ähnlich stark zu belasten wie ein Ölpreis von 100 US-Dollar im Jahr 2011.
Die USA sind als weltweit größer Ölproduzent mittlerweile zumindest versorgungsseitig unabhängig. Und in der durch den Einbruch russischer Öl- und Gaslieferungen ab 2022 besonders energiebedrohten Eurozone hat sich die Energieeffizienz weltweit am deutlichsten verbessert.

Insgesamt sind die europäischen Energiepreise dramatisch weit von den Krisen-Niveaus 2022 entfernt.

Sicherlich nehmen die weltwirtschaftlichen Reibungsverluste vorübergehend zu. Kaufkraft bzw. Konsum- und Investitionsklima haben zwischenzeitlich gelitten und Unternehmen warten mit Investitionen ab, bis wieder mehr geopolitische Stabilität herrscht. Dies unterstreichen auch die von der Investment-Beratungsfirma Sentix ermittelten Konjunkturerwartungen für die nächsten sechs Monate, die vorsichtshalber in Deckung gehen. Doch eine zu erwartende Krisenentspannung in Nahost widerspricht einer nachhaltigen Konjunkturschädigung. Die für 2026 leicht auf 3,1 von 3,3 Prozent gesenkte Wachstumsprognose des IWF, die medial als heftiger Wirtschaftsschlag interpretiert wird, sollte mit Ruhe betrachtet werden.

Überhaupt, im Zweifel wird die internationale Geldpolitik erneut den Freund und Helfer für die Konjunktur spielen.
Zinserhöhungen sind in den USA vorerst weiterhin kein Thema. Die Fed hat ohnehin mit einer Abkühlung am Arbeitsmarkt zu kämpfen, während höhere Energiekosten und Kaufkrafteinbußen den Konsum belasten. Im Übrigen schleichen die umfangreichen Steuergutschriften aus dem „One Big Beautiful Bill“ ab Juni aus.
Auch die EZB wird sich mit Blick auf Konjunkturrisiken gut überlegen, ob sie ihrer harten Preisstabilitätsrhetorik tatsächlich Taten folgen lässt. Sollte sie zur Prävention von Zweitrundeneffekten dennoch Handlungsbedarf sehen, könnte sie diesen mit nur einer stabilitätsbeweisenden Zinsanhebung auf ihrer Sitzung am 11. Juni hinter sich bringen: „One and done“.
Überhaupt, da Inflationsmessung als relativer Vergleich mit dem Vorjahr stattfindet, wird im nächsten Frühjahr der Preisdruck deutlich fallen. Warum also mit harter Zinspolitik die Pferde scheu machen?

Marktlage - Der Markt hat immer Recht, oder?
Da insgesamt kein nennenswertes Ungemach von der Geldpolitik zu erwarten ist, bleibt das aktuelle Szenario deutlich sinkender Kursschwankungen bei US-Staatsanleihen mit stabilisierender Wirkung auf die US-Aktienmärkte nicht aus. Tatsächlich haben die US-Aktienmärkte ihre kriegsbedingten Verluste wieder wettgemacht. S&P 500 und Nadaq notieren jeweils sogar auf Allzeithoch.

Auch an den internationalen Aktienmärkten hat der Optimismus wieder spürbar zugenommen, wenn auch unter Schwankungen.

Hilfreich sind dabei die Gewinnerwartungen für die globalen Aktienmärkte, die selbst nach sieben Wochen Iran-Krise bei hohen Energiepreisen resilient ausfallen. Dies wiederum führt ebenso zu Entspannungen bei Bewertungen. In den USA, der Eurozone und Deutschland sind diese ungefähr auf ihre 10-Jahres-Durchschnitte zurückgefallen.
Besonders bemerkenswert ist die unterdurchschnittliche Bewertung internationaler Tech-Werte. Die Tech-Blase ist entbläht. Aufgrund z.B. solider Chip-Daten und der geringen Konjunkturabhängigkeit der Branche bieten sich attraktive Einstiegschancen.

Trotz der vorübergehenden wirtschaftlichen Eintrübung zeigt die Stärke von zyklischen- zu defensiven Werten, dass Anleger bereits über den Tellerrand des Iran-Konflikts hinausschauen und die konjunkturelle Wiedererstarkung einpreisen.

Stabilisierend für die Aktien-Stimmung ist ebenfalls die anstehende Dividendensaison. Tatsächlich bieten Dividenden als klassisches Instrument der Unternehmenspolitik eine Medizin gegen die unsichere Börsenentwicklung. In dieser Funktion bieten sie auch ein Polster gegen Kursschwankungen.
Allein die im DAX gelisteten Unternehmen steigern ihre Ausschüttungssumme in diesem Jahr mehr als erwartet auf ca. 56 Mrd. nach 53,3 Mrd. Euro 2025 und damit auf einen neuen Rekordwert.

Dividendenkürzungen sind vor allem auf den Autosektor konzentriert. Banken hingegen kehren als starke Dividendenzahler zurück. Insgesamt stehen 29 Dividendenerhöhungen der DAX-Konzerne lediglich vier -senkungen gegenüber.

Auch mit Blick auf ausländische Aktien bleiben Dividenden 2026 stabil. Mittlerweile sind sie nicht nur ein Zubrot, sondern eine vollständige „Mahlzeit“.
Tatsächlich zeigt der Vergleich von „Brutto- und Netto-DAX“ den Wert der Dividendenrendite, die seit Einführung des DAX 1988 durchschnittlich ca. 2,8 Prozent pro Jahr ausmacht. Bei einem europäischen Dividendenindex sowie bei deutschen und europäischen Einzelaktien sind sogar Renditen über sechs Prozent möglich.
Nicht zuletzt macht sich das bei der Wiederanlage von Ausschüttungen als Zinseszinseffekt, als „Dividendendivideneffekt“ längerfristig positiv bemerkbar.
Darüber hinaus unterstützen Aktienrückkäufe die Börsenstabilisierung, die allein im DAX in den letzten zwölf Monaten ein Volumen von rund 25 Mrd. Euro ausmachten.
Natürlich kann in dieser (Finanz-)Welt ein schwarzer Schwan nie vollständig ausgeschlossen werden. Doch hat bei allen Krisen der Vergangenheit zum Schluss die Vernunft gesiegt, warum nicht jetzt auch? Natürlich wird die Öl- und Gasversorgung nach Konfliktende nicht über Nacht wieder Vorkriegsniveau erreichen. Doch bezahlen die Börsen Zukunft.
Dies verhindert nicht, dass zwischenzeitlich schlechte Nachrichten vom Live-Ticker wie Energieengpässe, Abläufe von Ultimaten oder Verbalentgleisungen für vorübergehende Ernüchterungen sorgen.
Eine Mischung aus US-Tech-Werten, europäischen Konjunktur- und Dividendentiteln und Aktien der Schwellenländer ist derzeit anzuraten.
Sentiment und Charttechnik DAX - Kurzfristig noch Holprigkeiten
Aus Sentimentsicht spricht ein anhaltender pessimistischer Überhang zunächst nicht für eine überschwängliche Laune.

Doch haben seit Beginn der Iran-Krise bereits viele zittrige Hände die Aktienmärkte verlassen, was gegen zukünftige Anlegerpanik spricht. Laut Umfrage der Bank of America unter globalen Fondsmanagern sitzt dieses Geld allerdings noch nicht übermäßig locker, solange geopolitische Unberechenbarkeiten bestehen.
Dies spricht zunächst für mehr Volatilität. Daher sollten die regelmäßigen Ansparpläne unbedingt fortgeführt werden.
Charttechnisch liegen bei fortgesetzter der Erholung engmaschige Widerstände bei 24.154, 24.200, 24.325 und 24.457 Punkten. Dreht der Index in eine Abwärtsbewegung, trifft er bei 24.107, 23.855, 23.755 und 23.750 Punkten auf Unterstützung.
