Inwieweit sind chinesische Aktien attraktiv?

Geopolitisch scheint China derzeit einen Lauf zu haben, doch kann es hartnäckige binnenwirtschaftliche Probleme nicht leugnen. Immerhin, nach Trumps China-Besuch ist zukünftig von mehr Entspannung zum gegenseitigen wirtschaftlichen Vorteil auszugehen. Um die konjunkturelle Widerstandskraft zu stärken, fokussiert sich Peking zudem auf die konsequente Förderung von Zukunftsfeldern. Ist dies alles auch zum Vorteil von Anlegern? Und wie sieht es mit dem Gesamtmarkt aus?
Der Markt unter der Lupe
Der Markt unter der Lupe
22.05.2606:36
Der Markt unter der Lupe
Von Robert Halver

„Konstruktive strategische Stabilität“ ist die neue friedliche (Handels-)Koexistenz

Das ist das neue Credo der Beziehung zwischen China und Amerika. Es bleibt zwar bei hartem systemischem Wettbewerb in strategischen Schlüsselbranchen wie High-Tech. Doch will man in Bereichen zusammenarbeiten, in denen es ohne den anderen nicht geht. Dazu zählt u.a. die US-Exportlockerung von Halbleitern und die chinesische für Seltene Erden. Auch erhalten US-Unternehmen verbesserten Zugangs zu Chinas Markt und werden chinesische in Amerika Handelserleichterungen gewährt.

Grundsätzlich sind die fröhlichen Exportzeiten für China vorbei, zu denen der größte Absatzmarkt der Welt nach Belieben beliefert werden konnte. Alternative Absatzmärkte bieten zwar einen gewissen Ersatz. Doch müssen chinesische Exporteure hier harte Preisschlachten aushalten. Auch nutzen mittlerweile selbst enge Handelspartner wie Südkorea und Japan protektionistische Instrumente, um ihre Schlüsselindustrien gegen Abhängigkeiten von China zu verteidigen. Selbst EU-Länder wehren sich gegen Chinas Massenexporte, z.B. bei Autos und Stahl. Frankreich hat Chinas Exportschwemme ganz oben auf die Agenda des nächsten G7-Gipfels im Juni gesetzt.

Grafik 1: China Exporte nach Region

Chinas Binnenkonjunktur schwächelt weiter

Ohnehin bleibt die inländische Wachstumsschwäche ein strukturelles Handicap. Der Konsum kriselt, u.a. weil rund 65 Prozent der Bevölkerung von weniger als 10 US-Dollar pro Tag leben müssen. Der Anteil des weiter kriselnden Immobiliensektors an der Gesamtwirtschaft hat sich zwar von rund 25 Prozent 2021 auf aktuell gut 10 deutlich verringert. Doch ist eine allgemeine Investitionszurückhaltung zu beobachten. Selbst staatlich verabreichte Aufbauspritzen haben nicht zu einer nachhaltigen Genesung der Bruttoanlageinvestitionen insgesamt geführt.

Grafik 2: Bruttoanlageinvestitionen Immobilien, Infrastruktur und Industrie

So ist Chinas Konjunkturentwicklung weit entfernt von den Wachstumszahlen der letzten Jahrzehnte. Auch geschönte aktuelle Wirtschaftszahlen wischen diesen Eindruck nicht weg. Das manifestiert sich auch in einem wieder rückläufigen Kreditimpuls, der den Anteil neuer Kredite an der Wirtschaftsleistung darstellt. Eine nachhaltige wirtschaftliche Stabilisierung ist daher schwierig.

Grafik 3: Kreditimpuls und Industriestimmung China

Als Investitionsstandort hat China an Attraktivität verloren

Die ausländischen Direktinvestitionen haben sich nach ihrem Einbruch zuletzt auf niedrigem Niveau stabilisiert. Doch bleiben jederzeit mögliche Einschränkungen der unternehmerischen Freiheit ein Hemmschuh für umfangreiche internationale Investoren. Die Anpassung von Lieferketten ausländischer Firmen hin zu alternativen Standorten in Asien oder Lateinamerika ist unumkehrbar.

Der Not gehorchend spielt Peking die Zukunfts-Karte

Vor diesem Hintergrund richtet Peking seine Industriepolitik auf größere Unabhängigkeit von westlichen Absatzmärkten, Importen und ausländischem Know-how aus. Halbleiter, KI, Biotech, erneuerbare Energien und Raumfahrt werden als Zukunftsfelder konsequent gefördert.

Bei KI geht es dabei nicht nur um das Aufholen gegenüber Amerika. Daneben soll die virtuelle Welt schnellstmöglich nutzbar sein. KI soll bis 2030 in 90 Prozent der Produktion und bei Dienstleistungen integriert sein. Unabhängigkeit durch Eigenentwicklungen bei Chips genießen eine besonders hohe Priorität.

Mit dem massiven Heben von Produktivitätspotenzialen beabsichtigt man, strukturelle Belastungen wie die Alterung der Gesellschaft zu dämpfen. All diese Reformen sollen über den Aktienmarkt auch dem Konsum auf die Sprünge helfen. Wer sich vermögender fühlt, konsumiert auch mehr.

Für chinesische Aktien könnte alles doch so schön sein, oder?

Bei der Aktienauswahl steht folgerichtig die neue schöne Wachstumswelt im Vordergrund. Grundstoff- und Minenwerte als Basis kommen in den Genuss chinesischer Infrastrukturverbesserungen und auch einer sich stabilisierenden Weltkonjunktur. Von der KI-Investitionswelle profitieren Telekom-, Finanz- und Industriewerte. Versorgeraktien kommt die anziehende Energienachfrage bzw. -wende zugute.

Grafik 4: Kursentwicklung Branchen China

Erfreulich ist, dass sich die Bewertung chinesischer Aktien seit Jahresbeginn deutlich entspannt hat. Sie liegt wieder auf ihrem 10-Jahres-Durchschnitts und spricht für weitere Aktienstabilisierung.

Grafik 5: Bewertungsauf-/ abschlag Aktien China gegenüber ihrem 10-Jahres-Durchschnitt

Im Vergleich zu amerikanischen, aber auch Aktien anderer Schwellenländer lassen sich klassische chinesische Aktien-Handicaps jedoch nicht leugnen. So müssen Unternehmen ihre Ziele mit den übergeordneten ideologischen Zielen der KP in Einklang bringen. Obwohl Planwirtschaft dem marktwirtschaftlichen Modell des US-Erzrivalen eindeutig unterlegen ist, gehört sie unverändert zu Chinas Wirtschafts-DNA.

Vor allem in puncto High-Tech gewährt China seinen Firmen zu wenig Beinfreiheit, die aber erforderlich ist, um mit den USA gleichziehen zu können. Amerikas Wirtschaft ist freigeistiger, flexibler und dynamischer. In Verbindung mit eingeschränkter Transparenz im Börsengeschehen und in wirtschaftlichen und politischen Prozessen sind chinesischen Aktien-Fantasien trotz fundamentaler Verbesserung Grenzen gesetzt.

Das gilt im Hinblick Chinas auf die Schwellenländer.

Grafik 6: Aktienmärkte China und Schwellenländer

Es gilt aber auch speziell für die Zukunftsbranche High-Tech. China kann hier Amerika nicht das Wasser reichen.

Grafik der Woche

Grafik 7: Technologie-Börsen USA, China und Deutschland seit 2021

Marktlage - Konsolidierung manchmal ja, Panik immer nein

Aufgrund der erratischen Nachrichtenlage zum Iran müssen Aktionäre Kursschwankungen aushalten.

In diesem Zusammenhang spielen Zinserhöhungsängste und steigende Anleiherenditen wegen hohen Energiepreisen und steigenden Inflationserwartungen naturgemäß eine Rolle. Laut Umfrage der Bank of America rechnet die Mehrheit der globalen Fondmanager sogar mit einem Renditeanstieg bei 30-jährigen US-Staatsanleihen von aktuell 5,08 auf sechs Prozent und damit den höchsten Stand seit 1999. Und bei der Fed sprechen sich gemäß Protokoll der vergangenen Notenbanksitzung immer mehr Mitglieder dafür aus, die Grundlagen für eine mögliche Zinserhöhung zu schaffen.

Großflächige Ansteckungseffekte der Anleihe- auf die Aktienmärkte sind dennoch nicht zu befürchten. Die Fed wäre nicht die Fed, wenn sie Finanz- oder Schuldenkrisen in Amerika zuließe. Sicher ist das Fed-Direktorium gespalten und hat der zukünftige Fed-Präsident Kevin Warsh bei Zinssenkungen kein leichtes Spiel. Im Bedarfsfall könnten aber Leitzinssenkungen erkauft werden, indem die Fed keine neuen Staatsanleihekäufe tätigt und sogar ihre Bilanzsumme verringert. So würde sie zunächst dem Vorwurf der weiteren Staatsfinanzierung entgehen. Um dennoch steigenden Anleiherenditen entgegenzuwirken, könnte man die Eigenkapitalunterlegung der US-Banken bei Kauf von amerikanischen Staatspapieren wie zur Zeit der Corona-Krise aussetzen.

Wie auch immer, trotz Anstieg deuten die im Vergleich immer noch verhaltenen Kursschwankungen bei US-Staatsanleihen nicht darauf hin, dass der Renditeanstieg panisch verläuft.

Grafik 8: MOVE Index und S&P 500 Index

Überhaupt zeigt der Blick auf die realen Staatsanleiherenditen weltweit, dass nach Inflation nicht viel übrigbleibt, was die Konkurrenz zu Aktien also in Schach hält.  

Grafik 9: Rendite 10-jähriger Staatsanleihen weltweit nach Inflation

Ohnehin ebben die Zinsängste ab, sobald Normalität in der Iran-Krise zurückkehrt. China und die USA haben ein Interesse, dass die Energietransitroute ohne jegliche Maut offenbleibt. In einer Art geopolitischem Kuhhandel könnte Peking seinen Einfluss auf den Iran zur Wiederöffnung der Straße von Hormuz geltend machen, wenn sich die USA in der Taiwan-Frage Rotchina-freundlich verhält.

Fundamentale Schützenhilfe für Aktien kommt von markanten Heraufstufungen der Gewinnschätzungen im MSCI Welt als Zeichen dafür, dass die Energiekrise offenbar nicht als nachhaltiger Schaden für die Ertragskraft der Unternehmen betrachtet wird. Dabei stehen sicher der deutlich konjunkturunabhängige KI-Boom und die robusten Geschäftsmodelle der Chip-Hersteller im Mittelpunkt. Nicht zuletzt schlägt sich der zunehmende Einsatz von Künstlicher Intelligenz in einer Produktivitätssteigerung nieder, die desinflationären Charakter hat.

Dennoch, im Hinblick auf eine gesteigerte Erwartungshaltung gegenüber Unternehmenszahlen wächst auch das Potenzial für zwischenzeitliche Rücksetzer.

Grafik 10: Herauf-/Herabsetzung Gewinnschätzungen der Analysten, global

Sentiment und Charttechnik DAX - Grundsätzlich stabil

Trotz Risiken deuten die Sentiment-Indikatoren kurzfristig nicht auf großes Überhitzungspotenzial für die richtungsgebenden US-Aktienmärkte hin. Laut American Association of Individual Investors überwiegt aktuell der Anteil der Pessimisten.

Grafik 11: Anteil der Optimisten abzüglich der Pessimisten am US-Aktienmarkt

Das niedrige Verhältnis von Put- zu Call-Optionen am Aktienmarkt der Eurozone signalisiert eine gewisse Sorglosigkeit. Kurze ruckartige Kursrücksetzer sind nicht auszuschließen, bieten aber mit Blick auf die positiven Aussichten gute Einstiegsgelegenheiten.

Grafik 12: Put-Call-Verhältnis Aktienmarkt Eurozone

Charttechnisch liegen auf dem Weg nach oben Widerstände bei 24.765, 24.860 und 24.885 Punkten. Darüber befinden sich die nächsten Barrieren bei 25.150 und 25.183. Auf der Unterseite liegen Unterstützungen bei 24.678, 24.610, 24.600 und 24.530 Punkten.

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Rechtliche Hinweise / Disclaimer und Grundsätze zum Umgang mit Interessenkonflikten der Baader Bank AG

Von Robert Halver