Was bedeutet der Krieg im Nahen Osten für die (Finanz-)Welt?

Das früher so stabile Leitplankensystem hat die Welt ohnehin längst verloren. Und jetzt sorgt der US-israelische Angriff auf den Iran für weitere konjunkturelle und Börsenverunsicherung. Dennoch, trotz aktuellem Verdruss sind ebenso die langfristig positiven Entspannungen zu berücksichtigen, wenn eine der krisenträchtigsten Regionen der Welt zur Ruhe kommt. Überhaupt war übertriebene Panik für Anleger schon immer ein verdammt schlechter Ratgeber.
Kurse unter der Lupe
Kurse unter der Lupe
03.03.2608:38
Halvers Kolumne
Von Robert Halver

Die USA und Israel haben in ein Wespennest gestochen

Als Gegner ist der Iran ein ganz anderes Kaliber als Venezuela. Das Land ist groß, hoch gerüstet und widerstandsfähiger. Immerhin hat Trump für die militärische Auseinandersetzung mehrere Wochen angesetzt, weil er weiß, dass sich der Iran gegen einen Regimewechsel bis zum Schluss kräftig wehren wird, auch um die eigene Verhandlungsposition zu verbessern.

Und mit der Sperrung der Straße von Hormus sind fast alle OPEC-Reservekapazitäten von Saudi-Arabien, Irak, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Kuwait blockiert. Auch die Gasversorgung aus Katar ist deutlich betroffen. Je länger die Lieferausfälle andauern, umso stärker würden Energiepreisverteuerungen das weltwirtschaftliche Wachstum torpedieren. Im Extremfall blieben wegen Inflationsbeschleunigungen die erhofften Zinssenkungen vor allem in den USA aus, was insbesondere Aktien aus dem High-Tech-Sektor träfe. Und konjunkturorientierte Substanzwerte aus dem Value-Bereich, die die Marktbreite zuletzt vergrößert und die Risiken minimiert haben, verlören diese Funktion.

Auf Branchenebene würden konkret Chemiewerte leiden, deren energieseitige Produktionskosten stiegen, ohne dass sie an eine verunsicherte Weltwirtschaft weitergegeben werden könnten. Das gilt auch für Airlines, denen teure Umwege und verunsicherte Kunden mit Flugangst zu schaffen machten. Ebenso wären Autokonzerne betroffen, da Verbraucher in Krisenzeiten gerne ihre Portemonnaies zunageln.

Wer hat Interesse an einem langen Iran-Krieg? Niemand!

Zunächst ist ein Iran ohne Nuklearbombenfähigkeit besser als umgekehrt. Nicht auszudenken, wenn Teheran seine Machtinteressen mit dem Schwingen der Atomkeule durchsetzen und wirtschaftlich wichtige energieseitige Lieferketten dominieren würde. Und machen wir uns bitte nichts vor: Die jahrzehntelange Beschwichtigungspolitik auch der Europäer hat in Teheran nie Früchte getragen. Sie war politisch bequem und vielfach hasenfüßig, obwohl die europäische Geschichte lehrt, dass Nachgeben gegenüber brutalen Diktaturen diese noch mehr ermutigt, eigene Interessen durchzusetzen.

Überhaupt, mit welcher Argumentation will man anderen Ländern wie Saudi-Arabien versagen, Atommacht zu werden, um das Gleichgewicht des Schreckens aufrechtzuerhalten. Ein atomares Pulverfass im Nahen Osten wäre nichts weniger als ein Alptraum.  

Vor allem aber hat keine der am Iran-Krieg beteiligten Parteien ein Interesse an einer Dauereskalation. Der Iran weiß: Je länger der Konflikt dauert, umso mehr werden militärische und politische Infrastruktur des Iran geschwächt, so dass dem Mullah-Regime der Machtverlust droht. Genau davor haben Russland und China als Verbündete Irans große Angst. Nach Syrien und Venezuela könnte auch noch eines ihrer letzten geopolitischen Bollwerke gegen den amerikanischen Systemfeind nicht nur fallen. Es könnte sogar eine weniger amerikafeindliche Regierung drohen.

Auch die Nachbarländer des Irans würden bei einem Dauerkonflikt dramatisch verlieren. Die Vereinigten Arabischen Emirate und Saudi-Arabien, die sich bereits zu attraktiven Wirtschaftsstandorten entwickeln, würden bei einer anhaltenden Verunsicherung im Nahen Osten viele Investoren abschrecken.

Selbst Trump will keinen langen Krieg. Er weiß, dass die US-Bevölkerung kriegsmüde ist. Außerdem hat er im Wahlkampf eine kritische Distanz zu Konflikten auf der Welt versprochen, weswegen er auch gewählt wurde. Zur Erinnerung: Im November finden Zwischenwahlen statt, die Trump bei Erfolgen der Demokraten zu einer Art lame duck machten.

Nicht zuletzt bezieht China einen Großteil seines Öls aus der Region, über die Straße von Hormus. Und da es dem Land wirtschaftlich nicht gutgeht, wird Peking natürlich den Druck auf den Iran erhöhen, die Straße von Hormus nicht zu blockieren.

Auch dieses Mal droht nicht das Ende der (Finanz-)Welt

Der Iran-Krieg wird nicht über Nacht vorbei sein. Es wird zu zwischenzeitlichen Irritationen in puncto Wachstum, Ölpreisen und -versorgung sowie Sicherheitslage und zu weiteren Kursschwankungen kommen. Nach 47 Jahren Diktatur ist es nicht einfach, den Schalter Richtung Freiheit umzulegen. Wer wird z.B. bei einer neuen Regierung den Hut aufhaben?

Bei aller Krisenhaftigkeit ist Ruhe bewahren die erste Anlegerpflicht. Die Börsengeschichte lehrt grundsätzlich, dass Panik immer der schlechteste Ratgeber ist. Tatsächlich haben sich vergangene Krisen im Nachhinein mehrheitlich als überschaubar dargestellt. Politisch Verantwortliche haben kein Interesse an Untergang, da dieser sie selbst dahinraffen würde.

Das spricht mindestens für die Fortsetzung bzw. den Beginn von Ansparplänen in Einzeltitel bzw. breiteren Anlagevehikeln.

Vorerst sind Verteidigungswerte gefragt. Energiewerte profitieren von höheren Ölfördermargen. Gefragt sind auch defensive Qualitäten aus dem Versicherungs- und Gesundheitssektor. Nicht zuletzt sind Edelmetalle Krisengewinner.

Möge der Konflikt im Nahen Osten so bald wie möglich erfolgreich enden, damit die Welt und auch der Iran wirtschaftlich als Energielieferant wieder aufatmen können und sich an den Finanzmärkten wieder die alte Börsenweisheit bewahrheitet „Politische Börsen haben kurze Beine“.

Rechtliche Hinweise / Disclaimer und Grundsätze zum Umgang mit Interessenkonflikten der Baader Bank AG

Von Robert Halver