Wie viel Stabilitätsluxus der früheren Bundesbank kann sich die EZB noch leisten?

Auf den hartnäckigen Preisdruck reagiert die EZB wie geplant mit einer Zinserhöhung um 0,25 Prozentpunkte. Darüber hinaus lässt sie verbal weitere Erhöhungssignale ertönen. Aber wie konsequent kann ihr Tatendrang angesichts der bestehenden konjunkturellen und systemischen Krisen tatsächlich sein? Überhaupt, wie ist die Lage an den Finanzmärkten?
Der Markt unter der Lupe
Der Markt unter der Lupe
12.06.2606:34
Der Markt unter der Lupe
Von Robert Halver

Verlangt der „Inflationsbuckel“ nur nach einer soften Zinserhöhungspolitik der EZB?

Auf den deutlichen Anstieg der Inflationsrate u.a. im Mai von 3,0 auf 3,2 Prozent musste die EZB gemäß ihrem Stabilitätsauftrag reagieren. Nach wochenlanger verbaler Vorarbeit setzt sie mit einer „Sicherheits-Anhebung“ ihres Einlagenzinses auf 2,25 nach zuvor 2,0 Prozent ein Zeichen der Glaubwürdigkeit. Laut ihrem Lohn-Indikator geht die EZB zwar nicht von einer bedeutenden Lohn-Preis-Spirale aus, doch kann sie den Niederschlag gestiegener Energiekosten in einer höheren Dienstleistungsinflation nicht ignorieren. Überhaupt will sie dem Vorwurf der erneuten Fehleinschätzung einer nur „vorübergehenden“ Inflation wie nach dem Ende der Corona-Krise entgegentreten.

Grafik 1: EZB-Lohnindikator und Dienstleistungsinflation Eurozone

Wenig überraschend zeigt sich EZB-Chefin Christine Lagarde weiterhin entschlossen, ungewünschte Preissteigerungen nachhaltig zu bekämpfen. Ihre rhetorische Falkenhaftigkeit soll ebenso verhindern, dass die Inflationserwartungen in der Eurozone aus ihrer nachhaltig stabilen Verankerung gerissen werden.

Grafik der Woche

Grafik 2: Kurz- und langfristige Inflationserwartungen Eurozone

Und da die längerfristigen Inflationserwartungen keine drastischen Zweitrunden-Effekte suggerieren, ist seitens der EZB auch kein drastischer Zinserhöhungsdruck wie zwischen Juli 2022 und Oktober 2023 zu erwarten. Tatsächlich signalisieren die neuen Inflationsprojektionen der EZB (2026: 3,0 statt 2,6 Prozent; 2027: 2,3 statt 2,0 Prozent; 2028: 2,0 statt 2,1 Prozent) lediglich einen „Inflations-Buckel“ in diesem Jahr mit anschließend deutlicher Wiederentspannung.

Denn auch wenn die Fronten zurzeit noch verhärtet bleiben und gegenseitiger Raketenbeschuss stattfindet, ist die Eskalationsstufe gegenüber Februar deutlich geringer. Die EZB hegt die Hoffnung auf eine Deeskalation u.a., da der US-Präsident im Vorfeld der Zwischenwahlen angesichts des Unmuts der Amerikaner über den Iran-Krieg und seinen wirtschaftlichen Folgen an einem Deal mit dem Iran interessiert sein muss. Allerdings lässt sich ein konkreter Zeitpunkt aktuell kaum bestimmen.

Bei positiver Entwicklung und dann deutlich verbesserter Passierbarkeit der Straße von Hormuz würde der Ölpreis fallen und ab Februar 2027 im Vorjahresvergleich eine deutliche Inflationserleichterung herbeiführen.

Auf der EZB steht Inflationsstabilität drauf, aber wie viel ist davon heute noch möglich?

Das aktuelle Konjunkturszenario ist nicht mit 2022 vergleichbar, als es nach coronalem Dornröschenschlaf zu dramatischen „wachgeküssten“ Nachholeffekten bei Investitionen und Konsum kam. Leider, wegen anhaltendem US-Handelsprotektionismus, zunehmender Exportkonkurrenz aus Asien und weiter ungelösten Strukturdefiziten sorgen nun eben auch hohe Energiepreise bei -knappheit für Reibungsverluste. Die Mollstimmung im Dienstleistungsgewerbe ist unverkennbar.

Doch steht der Aufschwung in der Industrie auf tönernen Füßen. Die gesenkten Wachstumsprojektionen der EZB (2026: 0,8 statt 0,9 Prozent; 2027: 1,2 statt 1,3 Prozent; 2028: unverändert 1,5 Prozent) zeugen davon, signalisieren gleichzeitig aber ebenso, dass die Eurozone weit von einem inflationstreibenden Nachfrageboom entfernt ist.

Grafik 3: Einkaufsmanagerindices Verarbeitendes und Dienstleistungsgewerbe Eurozone

Grundsätzlich würden schmerzhafte Zinsrestriktionen noch mehr Salz in die offenen Konjunktur-Wunden streuen. Das gilt auch vor dem Hintergrund der stramm wachsenden Verschuldung in der Eurozone, deren Tragfähigkeit leiden würde und im Extremfall Systemrisiken hervorriefe.

Die Leitzins-Wende bringt kein Zins-Leid

Die EZB ist sich ihres Dilemmas zwischen Preisstabilität auf der einen und Konjunktur- und Systemstabilität auf der anderen Seite bewusst. Aber nach ihrer „Glaubwürdigkeits-Zinserhöhung“ kann sie jetzt zunächst die Füße stillhalten. Und sie kann weiter darauf verweisen, ihre zukünftige Zinspolitik von Sitzung zu Sitzung an der jeweiligen Datenlage zu orientieren. Sollte sich die Iran-Krise über den Sommer dennoch nicht entspannen, könnte sie auf der Sitzung am 10. September eine weitere Zinserhöhung vornehmen.

Wegen der Gefahr zunehmender konjunktureller und systemischer Bremseffekte käme der Zinserhöhungstrend danach aber an sein Ende. Darauf deuten auch Aussagen von EZB-Chefvolkswirt Lane hin, wonach für längere Zeit erhöhte Energiepreise zwar eine „begrenzte“ Reaktion der EZB erfordern würden, „aber keine vollständige Straffung“. Unterstützt wird diese Einschätzung von den Renditen 1-jähriger Staatsanleihen in der Eurozone, die sich seit ihrem sprunghaften Anstieg bei Ausbruch der Iran-Krise stabil seitwärts entwickeln.

Grafik 4: Rendite 1-jähriger Staatsanleihen Eurozone

Auch für die Bank of Japan und erst recht für die marktbestimmende Fed erwarten die Finanzmärkte nur sehr begrenzte geldpolitische Straffungen, wenn überhaupt. Auch sie sehen sich Verschuldungs- und Konjunkturproblemen gegenüber. 

Grafik 5: Zinseinschätzungen EZB, Fed und BoJ

Marktlage - Wie heiß wird der Sommer?

Aus heutiger Sicht stellt die Zinsseite keine große Gefahr für die Aktienmärkte dar, zumal die Leitzinsen nach Inflation negativ sind. Im Vergleich zu den früheren Hochzeiten der Bundesbank, als restriktive Geldpolitik noch der Inflation vorauslief, läuft sie ihr heute hinterher. Und auch dies sei hier erneut erwähnt: Preissteigerungen werden offensichtlich auch gerne zur realen Reduzierung der nominalen Staatsverschuldung eingesetzt.

Und nicht bekämpfte Inflation ist immer ein Treiber für sachkapitalistische Anlagen. Insgesamt werden die Notenbanken freundliche Begleiter der Anleger bleiben. Und in der Not wird ihr Rettungs-Gen aktiv. Dann werden sie die Börsen wie bereits in der Vergangenheit Huckepack nehmen und tragen.

Das verhindert nicht, dass Zins-Irritationen gelegentlich für Luftlöcher an den Aktienmärkten sorgen. So haben in Amerika starke Arbeitsmarktdaten und die Inflationsoffensive zuletzt Zinserhöhungserwartungen getriggert, selbst wenn die Kerninflation mit 2,9 vergleichsweise verhalten blieb.

Typischerweise reagieren hoch bewertete Wachstumsaktien aus dem IT-Bereich auf jedes Zinserhöhungsrisiko negativ. Aktuell wurde dieser Prozess durch das „Überschießen“ der Wertpapierkredite an der New York Stock Exchange noch beschleunigt, die massiv gehebelten Spekulationen auf Aktien mit positivem Momentum - also High-Tech - zugutekamen. Die Angst, dass diese Wetten nicht aufgehen, haben Investoren zuletzt zu Verlustbegrenzungen über schnelle Positionsverkäufe gezwungen.

Grafik 6: Wertpapierkredite an der New York Stock Exchange und US-Aktienmarkt

Neben Zinsängsten sorgte gleichzeitig die Halbleiter-Branche für Irritationen, die derzeit von Konkurrenzkämpfen geprägt ist. Und auch nur geringfügig enttäuschende, einzelne Unternehmensdaten nehmen schnell die gesamte KI-Infrastrukturnachfrage in Sippenhaft.

Vorübergehende Rücksetzer und Volatilitätsspitzen im High-Tech-Lager sind angesichts der starken Kursentwicklung der letzten Monate ohnehin kein Beinbruch, sondern gesund. Selbst wenn zwischenzeitlich zu weit vorausgeeilte Erwartungen wieder mehr in Einklang mit der durchaus beeindruckenden Realität gebracht werden, bleibt KI, auch im zukünftigen Zusammenspiel mit Raumfahrt, eine langfristig sehr intakte Wachstumsstory und das bestimmende Mega-Thema an den Börsen.

Wenn Anleger zwischenzeitlich Kapital aus vereinzelt heiß gelaufenen Tech-Titeln abziehen, finden sie im Zuge der Rotation alternative Investments in zuvor vernachlässigten Branchen. So zeigt die stabile Entwicklung von fundamental attraktiven und noch günstig bewerteten zyklischen Werten, dass Anleger bereits über den Tellerrand des Iran-Konflikts hinausschauen und eine konjunkturelle Wiedererholung einpreisen.

Grafik 7: Kursentwicklung Sektoren USA seit Jahresbeginn

Und in der Tat, gemäß der vom Analyse-Institut Sentix ermittelten Konjunkturerwartungen für die nächsten sechs Monate ist eine Stabilisierung neben Asien auch in Amerika und weniger stark in Europa abzulesen.

Grafik 8: Sentix Konjunkturerwartungen für die nächsten 6 Monate

Insgesamt findet an den Börsen ein permanentes Wechselspiel aus Technologie- und Konjunkturwerten statt.

Grafik 9: Konjunktur- gegenüber High-Tech-Werten

Sentiment und Charttechnik DAX - Zwischendurch braucht die Rallye Luft

Trotz aktueller Irritationen deuten die Sentiment-Indikatoren nicht auf großes Drohpotenzial für die richtungsgebenden US-Aktienmärkte hin. Der von CNN Business veröffentlichte Fear & Greed Index bewegt sich im Bereich der Angst und zeigt als Kontraindikator keine stark drohende Konsolidierung an.

Grafik 10: Fear & Greed Index CNN Business

Ohnehin behalten US-Fondsmanager laut National Association of Investment Managers ihre überdurchschnittlich hohe Gewichtung von Aktien bei. Zwischenzeitliche Kurskonsolidierungen sind zwar einzukalkulieren. Grundsätzlich sollten Anlegern den Aktienmärkten jedoch unbedingt treu bleiben und Rücksetzer aufgrund des Zukunftsoptimismus als günstige Einstiegsmöglichkeit - auch über regelmäßige Ansparpläne - nutzen.

Grafik 11: Aktien-Investitionsquote US-Fondsmanager

Charttechnisch liegen auf dem Weg nach oben Widerstände bei 24.539, 24.650 und 24.771 Punkten. Darüber befinden sich die nächsten Barrieren bei 24.820 und 25.024. Auf der Unterseite liegen Unterstützungen bei 24.358, 24.200 und 24.043. Weitere Auffanglinien liegen bei 23.797 und 23.715 Punkten.

Rechtliche Hinweise / Disclaimer und Grundsätze zum Umgang mit Interessenkonflikten der Baader Bank AG

Von Robert Halver